Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns (Werkanalyse) NJ

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Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns
(Roman, 1963)
Roman des deutschen Nobelpreisträgers (1972) Heinrich Böll, der bereits als Vorabdruck in der Süddeutschen
Zeitung eine heftige Diskussion ob seines Inhalts auslöste und im Januar 1963 erstmals vollständig
veröffentlicht wurde. Böll selbst kritisierte an seinem Roman, dass er sehr konstruiert sei, und hob heraus, dass
sein Werk nicht von Anti-Katholizismus geprägt sei.
Inhalt: Der Roman Ansichten eines Clowns von Heinrich Böll ist die Geschichte eines Mannes, dessen
Beziehung und Liebe zu einer Frau, und so auch er selbst, an der Wert-mobilen Nachkriegsgesellschaft der
fünfziger und sechziger Jahre zerbricht.
Der Protagonist Hans Schnier hat sich ganz bewusst gegen eine Karriere als Politiker oder Unternehmer
in Abwendung von den Tradition seiner vom Wirtschaftswunder geprägten Familie entschieden. Sehr früh beginnt
dieser mit hohen moralischen, jedoch vom Glauben völlig unabhängigen Werten ausgestattete junge
Mann eine Beziehung zu einem streng katholischen Mädchen. Sechs Jahre führen beide eine ausgefüllte Beziehung.
Als sie heiraten wollen, beginnt eine Diskussion über die Art der Trauung und die Erziehung ihrer Kinder.
Und obwohl Hans Schnier in allen Punkten einwilligt, sich den Vorstellungen seiner zukünftigen Frau zu
beugen, bröckelt bereits in der Diskussion das Band, das beide mit einander verbunden hatte. Am nächsten Tag
findet Hans Schnier einen Zettel, auf dem steht: „Ich muss den Weg gehen, den ich gehen muss.“ Von diesem
Tag an geht es mit dem recht erfolgreichen Clown, „offiziell Komiker“, bergab. Er ergibt sich dem Alkohol und
es nimmt einen rasanten Abstieg mit ihm.
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Aus seiner geschenkten Eigentumswohnung beginnt er, alte Bekannte anzurufen, auch seine Eltern und einige
Katholiken sind dabei, doch nirgendwo findet er sich verstanden. Er spricht über seine Eltern, einst überzeugte
Nationalsozialisten. Seine Mutter arbeitet nun in einem Zentralkomitee zur Versöhnung rassischer Gegensätze.
Sein Vater, ein mehr als selbstgerechter Unternehmer, war nicht einmal in der Lage Hans Schnier zu unterstützen,
als er in seiner Jugend einen NS-Jugendführer als Nazischwein beschimpft hatte, nachdem dessen einziger
Kommentar zum versehentlichen Selbstmord eines Jungen in seinem Panzerfaustnachwuchstraining war: „Na
zum Glück war es ein Waisenjunge.“
Er spricht über seinen alten Lehrer, der seinen Schülern Nationalsozialistische Werte vermittelt hat, jedoch
nie ein Parteibuch besaß, und nach dem Krieg eine glänzende Karriere in hohen pädagogischen Ämtern
angegangen ist, offiziell als Mann mit „weißer Weste“. Er spricht über einen Schriftsteller, überzeugter Nazi,
der ein Buch schrieb, in dem es um eine deutsch-französische Liebe geht, und da die Protagonisten am Ende
heiraten, hatte der Autor 10 Monate Schreibverbot bekommen; nach dem Krieg ließ er sich als Widerstandskämpfer
feiern und betonte immer wieder, er habe Schreibverbot von den Nazis bekommen. Und er spricht
immer wieder über Marie, das wohl einzige Mädchen, dass er jemals geliebt hat, abgesehen vielleicht von seiner
Schwester, die während des Krieges, mit der Begründung sie müsse ihren Weg gehen, als Flakabwehrhelferin
verschollen ist.
Und mehr und mehr wird die Kritik an den unreflektierten Wertewechseln der Deutschen im Übergang
von der Nationalsozialistischen Epoche zur Bundesrepublik klar, an der fehlenden Verarbeitung des Nationalsozialismus
und der Katholischen Kirche, die als Institution ihren Anhängern eben diese unreflektierte Anpassung
bis hin zu Gehorsam abverlangt.
Und so kann Hans Schnier, der dies alles sieht, sich den Vorstellungen seiner Frau, die weitestgehend
denen des Katholizismus entsprechen, inhaltlich nicht anpassen, wenn er sie doch respektieren würde. Da das,
was sie verlangt, allem dem widerspricht, was er auf diesen mehr als 280 Seiten anprangert. Sie erkennt das und
verlässt ihn. Hans Schniers Karriere geht daraufhin bergab, er trinkt, auch vor den Auftritten, und gerät in peinliche
Situationen, die seine Gage schnell auf ein Viertel reduzieren. Und er muss sich entscheiden: Wenn er so
weitermacht, landet er noch vor dreißig „auf der Gosse“ oder er rafft sich auf und schafft es bis ca. 50 sich gut
bezahlt über Wasser zu halten. Doch wo ist der Antrieb. Wo ist sein Motiv. Im Laufe seines Leben wurde ihm
alles genommen, was er hatte, und niemand sieht seine eigentlichen Motivationen, sein Leben so anzugehen,
wie er es angegangen ist. Er ist ein Außenseiter und nun nicht einmal mehr geliebt. All das, was ihm im Labyrinth
der für ihn unverständlichen Moral und Werte, der Normen und der Gesellschaft seiner Zeit den Weg gewiesen
hatte und ihn trotz seiner vollkommenen Hilflosigkeit einer Linie folgen ließ, ist fort.
Das Buch endet mit einem beinahe pathetischen Bild: Hans Schnier setzt sich in Bonn auf die Treppe
des Bahnhofs und spielt Gitarre, neben ihm der Hut, den er zu seinen Chaplinparodien getragen hatte. Die Leute
halten ihn für einen Bettler, was er vielleicht auch ist, und werfen ihm Geld in seinen Hut. So wartet er dort auf
die Rückkehr seiner Geliebten.
Verfilmung: Ansichten eines Clowns wurde 1975 von Vojtěch Jasný in der Produktion von Heinz Angermeyer
und Maximilian Schell verfilmt und am 14. Januar 1976 uraufgeführt. Die Darsteller waren Helmut
Griem, Eva Maria Meineke, Hanna Schygulla, Hans Christian Blech, Helga Anders und Rainer Basedow.